Wenn die Seele schwer ist: was CBD kann und was es nicht kann

In meiner Beratung schreiben mir Menschen oft Sätze wie: "Ich habe schon alles probiert, was kann ich noch tun?" Oder: "Ich nehme seit Jahren Antidepressiva, kann CBD eine Alternative sein?" Oder einfach: "Mir geht es nicht gut, hilft mir das?"

Und ehrlich gesagt sind das die schwersten Nachrichten, die ich beantworten muss. Weil ich darin Hoffnung lese, und ich weiß, dass ich diese Hoffnung weder zerstören noch leichtfertig bestätigen darf. Beides wäre falsch.

Deshalb möchte ich in diesem Artikel etwas tun, was im CBD-Markt selten passiert: ich möchte ehrlich sein. Über das, was CBD bei schwerer Stimmung, Anspannung und psychischer Belastung kann. Und über das, was es nicht kann.

Das Wichtigste in Kürze

  • CBD ist kein Antidepressivum. Es ersetzt keine Therapie und keine ärztlich verschriebenen Medikamente.
  • Bei Anspannung und Angstsymptomen zeigt die Forschung die solideste Evidenz. Bei Depression ist die Studienlage gemischt.
  • CBD wirkt über unser Endocannabinoid-System, das auch Stimmung, Stress und emotionale Verarbeitung mitreguliert.
  • Wenn es dir schwer geht, ist der wichtigste Schritt nicht CBD — es ist, mit einem Menschen zu sprechen. Hausarzt, Therapeut, eine Beratungsstelle.
  • Wenn diese Hilfe schon läuft, kann CBD ein unterstützendes Werkzeug sein. Niemals der einzige.

Warum so viele Menschen heute mit ihrer Stimmung kämpfen

Ich glaube, wir leben in einer Zeit, die uns innerlich überfordert. Wir bekommen mehr Reize an einem Tag, als unsere Urgroßeltern in einem Monat. Wir vergleichen uns mit Bildern, die so gar nicht existieren. Wir arbeiten viel, sitzen viel, schlafen schlecht, sind selten in der Natur. Und dann wundern wir uns, dass etwas in uns leise wird, schwer wird, müde wird.

Die Zahlen sind eindeutig: Depressionen und Angststörungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen weltweit. Und durch die Pandemie hat sich das deutlich verschärft. Eine große Lancet-Studie quantifizierte für 2020 weltweit einen Anstieg von etwa 25 bis 28 Prozent bei Depressionen und Angststörungen, verglichen mit dem Stand vor der Pandemie. Am stärksten betroffen waren junge Menschen und Frauen [1].

Wenn du das liest und dich erkennst, möchte ich dir zuerst sagen: Du bist nicht allein damit. Und es liegt nicht an dir. Es liegt zu einem großen Teil an einer Welt, die nicht für unsere Körper und Köpfe gemacht ist.

Was im Körper passiert, wenn die Stimmung schwer wird

Bevor ich über CBD spreche, möchte ich kurz erklären, was eigentlich passiert, wenn jemand depressiv oder ängstlich ist. Nicht in der Tiefe, in der ein Arzt das erklären würde, aber so, dass es Sinn ergibt.

In unserem Körper gibt es ein Regulationssystem, das viele Menschen nie gehört haben: das Endocannabinoid-System, kurz ECS. Es wurde erst in den 1990er-Jahren entdeckt und ist seitdem eines der spannendsten Forschungsfelder der Medizin. Das ECS ist überall in unserem Körper, vor allem im Gehirn, im Nervensystem und im Immunsystem. Seine Aufgabe ist es, das innere Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Es reguliert Schmerz, Schlaf, Appetit, Immunabwehr — und ja, auch Stimmung, Stress und emotionale Verarbeitung.

Forschung zeigt: Bei Menschen mit Depression sind die Endocannabinoid-Werte im Blut anders als bei psychisch gesunden Menschen. Die Befunde sind nicht eindeutig in eine Richtung. Eine aktuelle Studie aus 2024 mit über 150 Personen fand bei Depression eher höhere Anandamid-Werte, möglicherweise als Folge antidepressiver Medikamente, und veränderte 2-AG-Werte bei Menschen mit belastender Kindheitsgeschichte [2]. Das heißt nicht, dass ein "kaputtes" ECS die Ursache für Depression ist. Die Wirklichkeit ist komplexer. Aber es zeigt: das ECS ist bei Depression beteiligt. Und das ist die Stelle, an der CBD theoretisch ansetzen kann.

Wie CBD im Körper wirkt — und warum es kein Antidepressivum ist

CBD bindet nicht direkt an die klassischen Endocannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2. Es wirkt eher indirekt — es verstärkt die Wirkung unserer körpereigenen Endocannabinoide, indem es ihren Abbau verlangsamt. Vereinfacht gesagt: CBD lässt unsere eigenen "Glücksstoffe" länger wirken.

Außerdem aktiviert CBD den 5-HT1A-Serotonin-Rezeptor, also einen der Rezeptoren, die auch von vielen Antidepressiva angesprochen werden. In Tiermodellen zeigt CBD darüber Effekte, die in manchen Verhaltensexperimenten denen klassischer Antidepressiva ähneln [3].

Aber — und das ist wichtig — diese Tiermodelle sind nicht dasselbe wie ein Mensch. Und ein Effekt im Labor ist nicht dasselbe wie eine zugelassene Therapie. CBD ist kein Medikament gegen Depression. Es ist ein Nahrungsergänzungsmittel mit interessanten Eigenschaften. Wer das vermischt, schadet entweder dem Begriff "Medikament" oder dem Begriff "CBD".

CBD ist keine Antwort auf Depression. Es ist im besten Fall eine ehrliche Unterstützung neben dem, was wirklich hilft: Mit Menschen sprechen, sich behandeln lassen, kleine Schritte gehen.

Leonie Marisch

Was die Forschung wirklich zeigt — sortiert nach Ehrlichkeit

Hier möchte ich besonders genau sein, weil im CBD-Markt so viel versprochen wird. Die Studienlage ist nicht "CBD heilt Depression" und auch nicht "CBD bringt nichts". Sie liegt dazwischen, und sie ist je nach Thema unterschiedlich solide.

Bei Angststörungen und Anspannung — solidere Evidenz

Eine systematische Übersicht aus 2024 hat mehrere randomisierte kontrollierte Studien zu CBD und Angststörungen zusammengefasst. Das Ergebnis: Die Daten deuten darauf hin, dass CBD Angstsymptome reduzieren kann, bei wenigen Nebenwirkungen [4]. Die Dosierungen in den Studien lagen weit auseinander, und die Effektstärke war unterschiedlich. Die Tendenz weist in eine günstige Richtung, allerdings mit großen individuellen Unterschieden.

Eine doppelblinde, placebokontrollierte Studie aus 2024 mit 178 Personen, die unter leichter bis mittelschwerer Angst litten, fand: nach acht Wochen täglicher CBD-Einnahme verbesserten sich die Angstsymptome auf der Hamilton-Skala deutlich stärker als in der Placebogruppe [5]. Wichtig zur Einordnung: die Studie testete eine bestimmte pharmazeutische Nano-CBD-Formulierung, nicht ein klassisches CBD-Öl. Die Befunde lassen sich daher nicht 1:1 auf alle CBD-Produkte übertragen.

Eine kleine Pilotstudie aus 2025 testete ein hanf-basiertes Vollspektrum-CBD-Produkt bei 12 Angstpatienten und beobachtete Verbesserungen sowohl in den Angstsymptomen als auch in der kognitiven Funktion [6]. Das war eine offene Studie ohne Placebogruppe und mit kleiner Teilnehmerzahl, also nur ein vorsichtiges Signal. Aber inhaltlich interessant: es deutet darauf hin, dass die Vollspektrum-Wirkung, also CBD plus die natürlichen Begleitstoffe der Hanfpflanze, mehr bringt als CBD allein. Das deckt sich mit dem, was wir auch in der Praxis sehen.

Bei Depression — gemischte Evidenz

Bei Depression ist die Lage komplizierter. Es gibt vielversprechende Tierstudien, die ECS-basierte antidepressive Effekte zeigen [3]. Es gibt einzelne klinische Berichte, die positive Effekte beobachten. Aber: die aktuellste und bisher größte systematische Übersicht im Lancet Psychiatry hat 2026 insgesamt 54 randomisierte kontrollierte Studien mit fast 2.500 Teilnehmern zusammengefasst und kommt zu einem ehrlichen Schluss: die Evidenz reicht aktuell nicht aus, um Cannabinoide bei Depression, Angst oder posttraumatischer Belastungsstörung als wirksame Behandlung zu empfehlen [7]. Das heißt nicht, dass CBD nichts bringt. Es heißt, dass die Forschung noch nicht so weit ist, um klare Aussagen zu erlauben.

Bei stressbedingten Belastungen — gute Evidenz

Das ECS spielt eine zentrale Rolle in der Dämpfung der Stressreaktion. Eine fMRT-Studie konnte zeigen, dass CBD die Aktivität in stressempfindlichen Hirnregionen wie der Amygdala (dem Angstzentrum) und im cingulären Kortex dämpft, wenn der Körper auf bedrohliche Reize reagiert [8]. Wer chronisch unter Stress steht und merkt, dass das Nervensystem nicht mehr runterfährt, kann von CBD profitieren — nicht weil es "den Stress wegnimmt", sondern weil es dem überreizten System hilft, sich zu beruhigen.

Wo CBD ehrlich gesagt nicht hilft

Ich möchte auch das klarstellen, weil es zu oft verschwiegen wird:

  • CBD ersetzt keine Psychotherapie. Wenn die Wurzeln in alten Erfahrungen liegen, in unverarbeiteten Themen, in einem Lebensumstand, der dich krank macht, dann musst du diese Wurzeln anschauen. Das passiert nur mit einem Menschen, nicht mit einem Öl.
  • CBD ersetzt keine Antidepressiva, wenn sie ärztlich verordnet sind. Setz nie eigenmächtig Medikamente ab, das kann gefährlich werden. Wenn du das Gefühl hast, deine Medikamente passen nicht mehr, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
  • CBD hilft nicht bei akuten Krisen. Wenn du Gedanken hast, dir etwas anzutun, oder dich sehr verzweifelt fühlst, ruf bitte sofort eine Hilfsstelle an. In Österreich die Telefonseelsorge 142, in Deutschland 0800 1110111. Das sind Menschen, die zuhören. Tag und Nacht.

Was sonst noch hilft — und ehrlich gesagt oft mehr als jedes Mittel

Wenn jemand in meine Beratung kommt mit schwerer Stimmung, frage ich nicht zuerst nach Symptomen. Ich frage nach dem Tag.

Wann gehst du raus? Wie viel Tageslicht bekommst du? Schläfst du gut? Bewegst du dich? Wann hast du das letzte Mal mit einem Menschen wirklich geredet, nicht nur geschrieben? Wann warst du das letzte Mal in der Natur, einfach so, ohne Ziel?

Weil das die Hebel sind, die fast immer mehr bewirken als jedes Mittel.

Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest, findest du auf unseren Themenseiten zu Schlaf und Stress mehr dazu, wie körperliche Routinen und CBD zusammenspielen können. Beide Themen hängen eng mit mentaler Gesundheit zusammen.

Wenn du CBD ausprobieren möchtest — wie ich es empfehle

Bevor ich hier eine Standard-Empfehlung gebe, möchte ich ehrlich sein: das hängt zu sehr von dir ab. Wie schwer und wie alt das Thema ist. Ob du andere Medikamente nimmst. Was sonst gerade in deinem Leben los ist. Genau deshalb gebe ich im Blog keine Pauschal-Dosierung.

Was ich dir stattdessen sage: Wenn du das Gefühl hast, dass CBD ein Werkzeug sein könnte, schreib mir. Bei uns ist die Beratung noch persönlich. Ich lese und antworte selbst, und wir schauen gemeinsam, was bei dir passen könnte — oder ob ich dir ehrlich sage: "Probier zuerst die anderen Schritte, beobachte zwei, drei Wochen, und wenn du dann noch Fragen hast, melde dich nochmal."

Manchmal ist meine ehrlichste Antwort auch: "Bei dem, was du schreibst, glaube ich nicht, dass CBD das richtige Werkzeug ist. Lass uns lieber schauen, wer dir wirklich helfen kann."

Ein letzter Gedanke

Wenn dich dieser Artikel erreicht hat, weil es dir nicht gut geht, dann möchte ich dir zum Schluss noch eines sagen: Du musst das nicht alleine tragen. Es gibt Menschen, die zuhören können. Ärztinnen, Therapeuten, Beratungsstellen, manchmal eine Freundin. Du musst nicht warten, bis es "schlimm genug" ist. Es ist okay, jetzt um Hilfe zu fragen.

Und wenn du Fragen zu CBD hast und überlegst, ob es ein kleiner Baustein in deinem Weg sein kann, dann bin ich gerne da. Ehrlich, ohne falsche Versprechen, mit Respekt vor dem, was du gerade trägst.

Pass auf dich auf.

Deine Leonie

  1. COVID-19 Mental Disorders Collaborators / Santomauro, D. F., Mantilla Herrera, A. M., Shadid, J. et al. (2021). Global prevalence and burden of depressive and anxiety disorders in 204 countries and territories in 2020 due to the COVID-19 pandemic. The Lancet, 398(10312), 1700-1712. doi.org/10.1016/S0140-6736(21)02143-7
  2. Mazurka, R., Harkness, K. L., Hassel, S. et al. (2024). Endocannabinoid concentrations in major depression: effects of childhood maltreatment and relation to hippocampal volume. Translational Psychiatry, 14(1), 431. doi.org/10.1038/s41398-024-03151-z
  3. Zarazúa-Guzmán, S., Bonilla-Jaime, H., Vargas-García, B. et al. (2024). An overview of major depression disorder: The endocannabinoid system as a potential target for therapy. Basic & Clinical Pharmacology & Toxicology, 135(6), 669-684. doi.org/10.1111/bcpt.14089
  4. Coelho, C. de F., Vieira, R. P., Araújo-Junior, O. S. et al. (2024). The Impact of Cannabidiol Treatment on Anxiety Disorders: A Systematic Review of Randomized Controlled Clinical Trials. Life, 14(11), 1373. doi.org/10.3390/life14111373
  5. Gundugurti, P. R., Banda, N., Yadlapalli, S. S. R., Narala, A., Thatikonda, R., Kocherlakota, C., & Kothapalli, K. S. D. (2024). Evaluation of the efficacy, safety, and pharmacokinetics of nanodispersible cannabidiol oral solution (150 mg/mL) versus placebo in mild to moderate anxiety subjects: A double blind multicenter randomized clinical trial. Asian Journal of Psychiatry, 97, 104073. doi.org/10.1016/j.ajp.2024.104073
  6. Smith, R. T., Dahlgren, M. K., Sagar, K. A., Kosereisoglu, D., & Gruber, S. A. (2025). Clinical and Cognitive Improvement Following Treatment with a Hemp-Derived, Full-Spectrum, High-Cannabidiol Product in Patients with Anxiety: An Open-Label Pilot Study. Biomedicines, 13(8), 1874. doi.org/10.3390/biomedicines13081874
  7. Wilson, J., Dobson, O., Langcake, A., Mishra, P., Bryant, Z., Leung, J., Dawson, D., Graham, M., Teesson, M., Freeman, T. P., Hall, W., Chan, G. C. K., & Stockings, E. (2026). The efficacy and safety of cannabinoids for the treatment of mental disorders and substance use disorders: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Psychiatry, 13(4), 304-315. doi.org/10.1016/S2215-0366(26)00015-5
  8. Fusar-Poli, P., Crippa, J. A., Bhattacharyya, S., Borgwardt, S. J., Allen, P., Martin-Santos, R., Seal, M., Surguladze, S. A., O'Carrol, C., Atakan, Z., Zuardi, A. W., & McGuire, P. K. (2009). Distinct effects of Δ9-tetrahydrocannabinol and cannabidiol on neural activation during emotional processing. Archives of General Psychiatry, 66(1), 95-105. doi.org/10.1001/archgenpsychiatry.2008.519
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